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Erziehung bei anstrengenden Kindern in der Pubertät.
Chillt doch mal!

Eine Freundin von mir hat zwei Söhne. Einen immer aggressiver werdenden elfjährigen Sohn, nennen wir ihn Leon, und einen achtjährigen, nennen wir ihn Paul. Mit Paul kommt sie prima zurecht. Aber Leon ist – besonders ihr gegenüber – seit einiger Zeit schnell aggressiv. 

 

Auf ihre Erziehungsleistung ist sie grundsätzlich sehr stolz und manchmal grenzt sie sich von anderen Müttern, die weniger um ihre Kinder bemüht sind, sich weniger kümmern, ganz massiv ab. Der Grund für Leons Aggressionen wird überall gesucht: in der Schule, bei den vielen Hausaufgaben, bei der falschen Ansprache der Lehrerin, bei Freunden (und deren) Mediennutzung, bei den Wasseradern unterm Haus, bei den vielen isolierten Kohlenhydraten, bei dem Zuviel oder Zuwenig an Sport und Bewegung. 

 

Wenn wir mal zusammen essen, dann wird Leon ständig von ihr angesprochen: „Sitz gerade!“, „Man hört Dich schmatzen, mach doch bitte den Mund zu.“, „Wo sind Deine Hände?“... Der Grund für das veränderte Verhalten des Rubikon Kindes wird - wie gesagt  - überall gesucht, nur bei sich selbst, da schauen typische Helikoptereltern nicht so richtig hin. 

 

Warum ist das so? 

 

Zunächst ist es ein allgemeines und ganz natürliches Phänomen: eine Seite verändert sich oder will sich verändern und die andere kommt nicht ganz mit und gerade wenn es um das Thema loslassen geht, hat diese Reibung eine lange Tradition. 

 

Es wird wirklich nicht einfacher wenn die Kinder größer werden. Sie schmeißen zwar ihre Teller nicht mehr einfach auf den Boden, können selber aufs Klo – mit Po abwischen! -  und ihre Jacken zumachen, sie bekommen keine Schreianfälle mehr vor dem Spielzeug – oder Süßigkeitenregal und man kann sie getrost auch mal ein paar Stunden alleine lassen – immer öfter sogar abends. 

 

Aber mit den Erleichterungen kommen auch die Herausforderungen oder sagen wir es so: Die größeren Herausforderungen.
Ablenken, zaubern, Geschichten erfinden und mit einer lustigen Stimme sprechen oder auch einfach mal sagen: Du machst das jetzt, weil ich das so will, funktioniert bei den größeren Kindern einfach nicht mehr so gut. 

 

Seien wir ehrlich: es funktioniert meistens überhaupt gar nicht mehr. Da werden Augen verdreht, herumgebrüllt, alle sind fies oder Schlimmeres und Ahnung haben Eltern sowieso von überhaupt nichts mehr. 

 

Kinder in der Vorpubertät stehen also mit einem Bein noch in der Kindheit und haben das andere schon fast auf den Boden des Teenageralters gestellt. So, als seien sie im Begriff, einen Graben zu überqueren. Die Waldorf-Pädagogik bezeichnet diesen Übergang nicht zu Unrecht als den „Rubikon“, angelehnt an das Überschreiten dieses legendären Flüsschens durch Julius Cäsar. Die Kids werden noch nicht als Jugendliche, aber auch nicht mehr als Kinder angesehen, sie befinden sich in einem soziokulturellen Vakuum.

Die Nicht-Mehr-Kinder und Noch-Nicht-Teens haben es in diesem Vakuum nicht leicht, denn das Alter der Vorpubertät ist gekennzeichnet durch eine Phase der psychischen Destabilisierung. Die Kinder werden mit Entwicklungstatsachen, für deren Bewältigung ihnen noch nicht die geeigneten Mittel und Wege zur Verfügung stehen, konfrontiert und fühlen sich hin und her gerissen zwischen dem Vertrauten und dem Neuen.

 

Während des Rubikon wollen Bald-Jugendliche ihre Umgebung, auch ihre Eltern auf ihre Echtheit hin überprüfen. Das ist der Trotzphase im Kleinkindalter und dieser Phase gemein. Und mit mehr Röntgenblick als damals werden wir auf Herz und Nieren geprüft und – fallen mehr oder weniger berechtigt - durch. Für unsere Kinder sind wir dann entzaubert, vom Thron gerutscht. Sie wollen dann nur noch Auswandern, ausziehen oder am liebsten direkt ganz neue Eltern. Sie sind dann dauergenervt und dauerbockig. Und wir Eltern sind es natürlich irgendwann auch. Das ist extrem anstrengend und immer öfter denkt man sich, dass es noch richtig entspannt war, als sie noch vier oder sieben Jahre alt waren. Da war alles irgendwie einfacher und wir waren weniger genervt.
 

Aber vielleicht sind wir Eltern sind nicht immer ganz unschuldig daran und da mischt sich die schwierige Phase mit der oben erwähnten Besonderheit der Helikoptereltern. Wenn Kinder noch klein sind, dann brauchen sie unsere volle Aufmerksamkeit, unsere Hilfe und unsere Nähe. Wir müssen sie trösten, ihnen helfen, sie beobachten, schauen, dass sie nicht irgendwo herunter fallen, sich verletzen, mit Steinen schmeißen, die Wohnung abfackeln, den Puppen die Haare abschneiden, das Badezimmer mit Creme einschmieren, der Spielplatzbekanntschaft die Förmchen auf den Kopf hauen. Wir müssen sie anleiten, ihnen beistehen, alles zeigen, sie begleiten und nah an ihnen dran sein.

Sie  brauchen Hilfe und Nähe - tagtäglich. Wir vergessen manchmal, dass sie viele Dinge schon gut alleine könnten, dass wir nicht immer alles und jedes für sie oder mit ihnen machen müssen. Manchmal braucht es nur eine kleine Hilfestellung, einen (bitte erfragten) Tipp und dann können sie es alleine.

 

Wenn sie größer werden, müssen wir logischerweise auch immer noch für sie da sein, aber wir müssen uns auch immer ein bisschen mehr zurücknehmen. Hilfe zwar anbieten aber sie dann auch einfach mal machen lassen. Oftmals sind wir an unseren älteren Kindern einfach viel zu nahe dran. Wenn sie noch kleiner sind, stört es sie noch etwas weniger, wenn sie größer werden, dann nerven wir einfach nur noch. Oft sprechen wir sie fast ausschließlich über Negatives an, nämlich meistens dann, wenn gewisse Dinge schlecht oder auch gar nicht klappen, wir kommentieren, predigen, schimpfen, erklären, moralisieren einfach viel zu viel. Geben wir Anweisungen, dann wiederholen wir sie nach gefühlten fünf Sekunden auch gleich noch einmal und noch einmal. Das nervt unsere Halbwüchsigen zu Recht. Und dann kommt: Chillt mal! – zu Recht. 

 

HELIKOPTERELTERN

 

Mit dem Begriff Helikopter-Eltern oder auch Curling-Eltern sind Eltern gemeint, die sich permanent in der Nähe ihres Kindes aufhalten, es in seinen Aktivitäten und seiner Freundeswahl überwachen und jeden Schaden von ihm fernzuhalten versuchen. Gleichzeitig versuchen sie ihrem Kind jeden Wunsch zu erfüllen, verbünden sich mit ihrem Nachwuchs und setzen sich konsequent für sein Wohlergehen ein. Das Verhalten der übertriebenen Fürsorge drückt sich in dem Begriff Überbehütung aus.

 

Trotz aller Wunscherfüllung und Sorge um das Wohlergehen des Nachwuchses stellen Helikopter-Eltern hohe Anforderungen an ihren Nachwuchs: Bildungs- und Leistungsdruck bestimmen den Alltag des Kindes. Oft folgen die Kinder einem engen Wochenstundenplan aus Schule, zusätzlichen Bildungsangeboten und mehreren Sportkursen, Musikunterricht oder sonstigen organisierten Freizeitangeboten. Leistungen in Schule, Sport und Hobbies werden als wichtiges Familienergebnis interpretiert. Dieser Förderwahn lässt den Kindern keine Zeit, ihre Umwelt spielerisch und in ihrer eigenen Geschwindigkeit zu erkunden.

 

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