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Gewalt ist keine Lösung! 2

Dieser Artikel erschien am Sonntagmorgen, danach erlebte ‚die Presse‘ einen Prasselregen von negativen, die Gewalt in der Erziehung ablehnenden Leserkommentaren, der immer wieder von offensichtlichen Befürwortern der Gewalt in der Kindererziehung unterbrochen wurde. Bei der ‚Presse‘ hatte man den Artikel offenbar vor der Veröffentlichung nicht kontrolliert, er war der Chefredaktion schlicht durchgerutscht.

 

Am Nachmittag distanzierte sich dann auf der Website der ‚Presse‘ der Autor selbst von seinen Formulierungen: Sie seien in der Eile der Produktion ungeschickt verfasst worden. Er hielt auch im Namen seiner Frau ausdrücklich fest, dass körperliche Gewalt bei ihm zu Hause keinen Platz habe. Die wohl nicht ganz unfreiwillige und auch unglaubwürdige Distanzierung macht den Vorgang nicht harmloser. Auf Facebook und im Leserforum der ‚Presse‘ hatte Greber zuvor seinen Beitrag verteidigt und Kritiker sinngemäss der Hysterie bezichtigt: Sein Sohn entwickle sich herrlich, ‚machen Sie nicht aus einem Ohrenzieher einen Seelenzerstörer, das läuft so nicht‘.

 

Der Text ist kein Bekenntnis, manchmal überfordert zu sein, manchmal bei der Erziehung die falschen Mittel einzusetzen.   Was an diesem Artikel verstört, ist nicht nur die Rechtfertigung körperlicher Gewalt, der Auto beschreibt seine Erziehungsmethoden mit einer unerträglichen Selbstherrlichkeit. Es handelt sich hier nicht um einen überforderten Vater am Rande des Nervenzusammenbruchs, der sein Verhalten als unrichtig anerkennt. Im Gegenteil: Wer zweifelt, macht sich in den Augen des Autors verdächtig. Sein Kind ist ein Kristall, ein ‚Aquamarin‘, braucht in den Augen des Vaters aber noch die richtige Fassung. Die bekommt es ‚mit guten Worten und etwas Gewalt‘. Denn damit erreiche man stets mehr als nur mit guten Worten. Und der Leser bekommt Angst schon beim lesen. 

 

Man hätte gedacht, der Aufschrei gegen dieses Plädoyer für Erziehung durch Schmerz sei eindeutig: Gewalt an Kindern sei, in welcher Form auch immer, verpönt, kriminell und ausserdem noch sinnlos, weil sie nur Hass und wieder Gewalt erzeuge. Aber es verwundert, wie nicht nur Herr Gräber, sondern auch viele Kommentierende des Artikels tatsächlich denken und argumentieren als hätte es die Erkenntnisse der Erziehungswissenschaften der letzten 60 Jahre nie gegeben. Wer Alice Miller gelesen hat weiß, daß sich Gewalt an Kindern im Erwachsenenalter immer schlecht auszahlt. 

 

Jede Form von Gewalt gegen Kinder ist seit 25 Jahren gesetzlich verboten! Die vier Grundsäulen der Kinderrechte sind: 
1. Das Recht auf Gleichbehandlung
2. Das Kindeswohl hat Vorrang
3. Das Recht auf Leben und persönliche Entwicklung und 
4. Die Achtung vor der Meinung und dem Willen des Kindes.

 

Presse-Autor Wolfgang Greber glaubt jedenfalls nicht, dass Kinder überhaupt ohne Gewalt erzogen werden könnten. Wer im Ernst behaupte, sein Kind noch nie am Ohr gezogen oder ihm sonst einen Körperschmerz zugefügt zu haben, der lüge. 

 

Der fahrlässige und selbstgefällige öffentliche Umgang von Herrn Greber mit dem Thema Gewalt gegen Kinder ist inakzeptabel. Bei Babys kann schon leichtes Schütteln zu tödlichen Verletzungen an der Wirbelsäule führen. Bei einer Ohrfeige kommt es darauf an, wie stark sie ist und wie sie auftrifft. Sie kann das Ohr schädigen, die Drehbewegung kann die Halswirbelsäule verletzen. Bei kleinen Kindern kann das ebenso lebensgefährlich sein. Und das sind nur die körperlichen Schäden, die seelischen Verletzungen und Narben von körperlicher und seelischer Gewalt sind oft lebenslänglich und irreparabel. Je kleiner das Kind ist, desto eher bezieht es alles, was passiert, auf sich und denkt ‚Ich bin schuld‘. Die Ohnmacht und Wut kann je nach Konstitution und Sensibilität des Kindes zu Abspaltungen, zu Entwicklungsverzögerungen, zu posttraumatischen Belastungsstörungen uvm führen. 

 

Es gibt auch nicht-körperliche Formen der Gewalt, zum Beispiel Ignorieren, Anschreien oder Beschimpfen. Natürlich, manchmal müssen Eltern Dinge ignorieren, die das Kind tut, das ist im Alltag unvermeidbar. Wenn aber Ignorieren als Machtmittel benutzt wird, ist es Gewalt. Außerdem kommt es auf die Intensität, Dauer und Häufigkeit an, es ist schwer zu entschuldigen, weil es für das Kind nicht nachvollziehbar ist.

 

Wie oben bereits geschrieben sind Gewalt und Konsequenz zwei verschiedene Paar Schuhe: Eltern müssen natürlich Grenzen aufzeigen um eindeutig zu signalisieren, das, was das Kind getan hat, hat Konsequenzen. Dies ist kein Plädoyer für antiautoritäre Erziehung. Psychologisch gesehen ist es sogar wichtig, dass das Kind auch Frustration erfährt. Nur so kann es Moral entwickeln und lernen, was richtig und was falsch ist. Vor allem sehr engagierte Eltern wollten jegliche Frustrationen bei ihrem Kind vermeiden. Die Kinder werden oft lange übermäßig beschützt. Später wird jedoch von ihnen erwartet, eine hohe Frustrationstoleranz zu haben und große Leistungen zu zeigen. Das passt nicht zusammen. Dennoch: Erziehung und Konsequenz haben nichts aber auch gar nichts mit Gewalt zu tun!

 

Der aus der Gewalt, der Verletzung und Ohnmacht resultierende Verlust des Urvertrauens in der Kindheit macht die Kinder oft für den Rest ihres Lebens zu angstgesteuerten und unglücklichen Menschen. 

 

Gewalt in der Erziehung ist also NIE eine Lösung! Insbesondere nicht die geplante, systematische, gewollte und gerechtfertigte von Menschen wie Herrn Gruber.  

 

Aber auch die ungeplante, die Gewalt im Affekt ist inakzeptabel. Eltern stehen oft enorm unter Druck, der Alltag mit Kindern und Arbeit kann enorm zermürben. Je nach Lebenssituation können die eigenen Erziehungsideale aus dem Blick geraten. Wenn Eltern drohen die Nerven durchzugehen sollten sie sich unbedingt aus der Situation herausgegeben. Später, nach der Beruhigung wieder auf ruhigem Niveau mit zurückgewonnener Empathiefähigkeit auf das Kind zu bewegen und oder Jemanden um Hilfe bitten. 

 

Sollte aus Überforderung, eigener Gewalterfahrung oder anderen Gründen eine Gewaltbereitschaft oder Gewaltanwendung in der Familie vorkommen so ist es am Besten,  man wedet sich an eine Erziehungsberatungsstelle. Diese gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz flächendeckend, meist sind sie kostenlos. Eltern können sich dort Hilfe holen, ohne dass sie sich schämen müssten. Auch werden Eltern, die sich freiwillig an die Beratungsstellen wenden nicht angezeigt. Außerdem gibt es Elternkurse, Familienbildungsstätten oder Hotlines mit guten Beratungs- und Hilfsangeboten.

 

 

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