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Über die Motivation der Mütter
Muttivation

Über Motivation im Arbeitskontext wurde viel geschrieben, ganze Dissertationen und Habilitationen wurden der Anschubkraft des in der Arbeitswelt arbeitenden Wesen zugedacht. Da soll Einer was schaffen, dafür wird er gehegt,  gepflegt und kompensiert.

 

Indifferenzzonen wurden entdeckt, incentive Reisen in jeden erdenklichen und vorzeigbaren Winkel der Erde organisiert, Dienstwagen- und Bürogrößen differenziert und Motivations- und Führungsmethoden in Seminaren verbreitet. Da können Mütter nur konsterniert bis lakonisch seufzen: schöne neue Arbeitswelt.

 

Reinhard Sprenger, einer der bekanntesten Motivationsforscher, sagt, man kann der intrinsischen Motivation eigentlich nur im Weg stehen, wenn man dauernd extern und „künstlich“ zu motivieren versucht. Er sagt, man müsse den Mitarbeitern lediglich demotivierendes aus dem Weg räumen. Alle müssten sich ausreichend selbst motivieren können - auch Mütter. 

 

Müssen demnach Mütter motiviert werden? Oder anders gefragt: steht ihrer Motivation etwas demotivierendes entgegen und dürfen sie sich überhaupt demotiviert fühlen, in ein Loch fallen und erwarten, daß irgendetwas anderes als sie selbst sie da wieder herausholt?

 

Meine These ist, daß der natürlichen Muttivation hierzulande ziemlich viel im Weg steht.

 

Kinder machen viel Arbeit. Ob man es ertragen kann oder nicht, man gibt sein bisheriges Leben, Hedonismus, Freizeit, Nachtleben, Freiheit, Hobbies usw auf. Eine gehörige Portion Gleichaltriger und ehemalig Gleichgesinnter in der Umgebung bleiben dem „Nachtclub“ und all seinen Äquivalenten erhalten.

  

Aber das ginge ja noch. Mütter haben aber noch weitere Demotivationsfaktoren als nur die viele, von aussen zu wenig anerkannte, Arbeit und deren sogenannte Opportunitätskosten.

 

Freundinnen, die aus den USA hergezogen sind haben sich zunächst aus der Ferne unglaublich auf das Sozialstaatparadies Deutschland gefreut. Dort gibt es nicht nur kürzere Elternzeiten, weniger Elterngeld und weniger Kindergeld, als hierzulande, Schulen, Kitas und Universitäten kosten extrem viel mehr. Nannys müssen ohne die hier bekannte staatliche Beteiligung zu den Betreuungsaufwendungen vollständig aus eigener Tasche bezahlt werden und danach sprechen die Kinder auch noch besser Spanisch als Deutsch oder Englisch.

 

Nach wenigen Wochen musste die aus den USA imigierte Freundin jedoch eine fade Ernüchterung feststellen. Die deutschen Transferleistungen für junge Mütter sind nur ein kleiner Wehmutstropfen für die fehlende Positivität, die man aus anderen Ländern in Bezug auf Mütter kennt. Kaum einer reagiert erfreut über die Mutter in Deutschland. Kein La-mamma-Jubelgeschrei, wenn man mit vier Kindern zwischen 11 und vier Jahren ein Restaurant betritt. (Außer ich gehe - nur aus diesem Grund - ins überteuerte Centro ITALIA, einen Stadtteil weiter.) Keine helfenden Hände an U-Bahntreppen oder wenn mal eines der Kinder am Straßenrand bockt, während andere unaufmerksam über die Straße tapern. Stattdessen kopfschüttelnd gaffende Zuschauer und rauchende Sprücheklopfer. 

 

Die Mutter, die in südlichen europäischen Ländern teilweise vergöttert, in Afrika hochgehalten, in Südamerika verehrt und in den USA bewundert wird für ihre Leistung, ist sicherlich durch die grundlegende Anerkennung ihrer täglichen Arbeit und ihrer Rolle motivierter, die Belastung die durch Kinder nun mal entsteht, besser aushalten zu können, als ihr deutsches Äquivalent.

 

Hier ist es eher so: allen (auch kinderlosen Paaren und Singles) ist bekannt, wie man Kinder erzieht, betreut, umsorgt, und zu erträglichen Mitgliedern der zukünftigen Gesellschaft macht. Aber in den Augen aller versagen die deutschen Eltern - zur Zeit meistens. Das ist das Feedback. Eure Kinder sind keine Roboter, die, egal zu welcher Zeit, brav und still mit Rüschenbluse und Lackschühchen unauffällig in der Ecke spielen? Na dann seid ihr Versager. Die, die nicht unter dieser öffentlichen Leistungserbringungsbeobachtung stehen sind wirklich gute Beobachter der versagenden Eltern (eher der Mütter, da Erziehung in den Augen vieler noch quasi Teil der biologischen Mutterfunktionen ist). Das können ältere Generationen unter dem Motto bei-uns-früher-klappte-das-besser sein, jüngere Generationen unter dem Motto bei-uns-wird-es-zukünftig-besser-klappen, oder gleichaltrige Generationen unter dem Motto bei uns-hätte-es-besser-geklappt.

 

Dabei, und das wird gerne vergessen, ist das Ganze ein ungleiches Wettrennen: Eltern versuchen die Aufgaben aller anderen Bevölkerungsgruppen parallel zu stemmen, ihre Jobs ohne Qualitätseinbußen hinzubekommen und trotzdem gute Eltern, gute Elternvertreter in Kita und Schule zu sein. Sie versuchen das Geld für notwendigerweise größere Häuser und mehr Zimmer in oft teureren Urlaubshotels heranzuschaffen, Kosten für Hobbies und Nachhilfe und überhaupt von Kita- bis Unigebühren tragen zu können und überhaupt alles zeitlich und finanziell zu ‚stemmen’.

 

Geht man in Deutschland mit mehr als zwei Kindern auf einen Spielplatz (und da ist ja der Großteil der Kinderunfreundlichkeit systematisch nicht anwesend - sollte man zumindest meinen) ist die Spannweite der an den Blicken ablesbaren Gedanken von „die sind verrückt“ über „die sind asozial“ über „die armen Kinder“ bis zu „was wollen die denn hier?“.

  

Das Phänomen ist viel beschrieben, und betrifft bestimmt nicht nur Familien mit vielen Kindern, hier spitzt es sich einfach nur klarer wahrnehmbar zu.

 

Die strengen Blicke, ob bzw. wenn die Kinder oder man selbst gerade etwas falsch macht bzw. machen, ständig in der Öffentlichkeit potentiell auf genervte Mitmenschen, zu treffen - oder irgendwann reflexhaft die Genervtheit auf sich zu beziehen, das wird zum Alltag, da man als Mutter zum öffentlichen Gut wird. 

 

Auch demotiviert die Veränderung der Wahrnehmung der Mutterinsignien allgemein, die Verehrung von Schlankheitswahn und Jugendwahn statt Erfahrung, die Effekte des Auseinanderbrechens der Generationen (Großeltern freuen sich oft nicht mit und helfen auch immer weniger mit), das Alleingelassenwerden in der Kleinfamilie (oder als Alleinerziehende förmlich ganz), das peer Grouping (seltsames argwöhnisches Fehlersuchen der Leidensgenossinnen untereinander) neben der genannten fehlenden Anerkennung der anderen Bevölkerungsgruppen.

 

Woher nehmen Mütter denn ihre Muttivation, wenn zuviel Anerkennungswunsch an den Partner nur Pattsituationen hervorruft: beide erschöpft, er möchte ihre Anerkennung, sie hungert nach seiner.

 

Machen wir es doch alle wie eine gute Freundin, die in einem Heim für sehr junge Mütter arbeitet: aus tiefstem Herzen sagt sie immer wieder wie toll und süß Kinder sind und fast jeder Mutter in ihrer Umgebung, wie gut sie ihren Job als Mutter macht, 

 

das hat sie sich bei der Arbeit, so angewöhnt, wo sonst?

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