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Der Hebammenberuf in Deutschland ist vom Aussterben bedroht
Rettet unsere Hebammen!

Es ist, als würde man darüber nachdenken, die Feuerwehr flächendeckend abzuschaffen: Hebammen werden in Deutschland systematisch in die Bedeutungslosigkeit gedrängt.

 

Während meiner drei Schwangerschaften und den darauf folgenden Wochenbett Phasen hatte ich drei unterschiedliche Hebammen. Jede hatte ihre eigene Art, ihre eigenen Schwerpunkte. Bei den Fragen, Problemen, Wehwehchen, die ich während der jeweiligen Schwangerschaft hatte und den aktuellen sozialen Situationen, in denen ich mich jeweils befand, schienen Sie jedoch jeweils immer 100-prozentig genau die Richtige zu sein. Jede fand auf ihre Art einen Weg, die extrem persönlichen Themen der Geburtsvorbereitung und der Zeit im Wochenbett so mit mir zu besprechen, dass keine Scham aufkam und ich mich öffnen und vertrauensvoll fallenlassen konnte. Jede half mir damit auf ihre Art die jeweils aktuellen schwangerschaftsbelastenden und – möglicherweise geburtserschwerenden – Ängste abzubauen, um eine unbeschwerte Schwangerschaft und leichtere Geburt zu erleben.

 

Jede Frau die bereits ein Kind geboren hat kann von mindestens einer dieser physischen oder psychischen Rettungsaktionen ihrer Hebamme bei einem intimen, ganz besonderen Problem berichten: mit den körperlichen Veränderungen während der Schwangerschaft, mit der Heilung und Akzeptanz von Geburtsverletzungen im Intimbereich, bei Geburtsängsten, beim Stillen, in der Partnerschaft während der Schwangerschaft oder nach der Geburt oder in Bezug auf die eigenen Muttergefühle gegenüber dem werdenden oder schon geborenen Kind. Von den wahrhaft lebensnotwendigen Rettungen, den berührenden und oft dramatischen Stunden der eigentlichen Geburt, diesem welterschütternden Ereignis im Leben einer Frau, ganz zu schweigen. Die allermeisten dieser Frauen würden auf Nachfrage auch berichten, dass ihnen in diesen Situationen ihre Hebamme geholfen hat wie kein anderer Mensch in ihrer Umgebung es gekonnt hätte. Hebammen haben mit den tiefgreifenden Veränderungen im Leben einer Frau, in der Zeit der Schwangerschaft und nach der Geburt, die ausreichende Erfahrung und Ausbildung, um ihnen in dieser sehr sensiblen Phase mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Weder gute Freundinnen, noch die vielzitierte eigene Mutter können einer gebärenden Frau die Hebamme ersetzen. Der einen fehlt zumeist die eigene Erfahrung, oder die Zeit, der anderen fehlt oft die (räumliche) Nähe und der aktuelle persönliche Zugang. Beiden fehlt jedoch zumindest die Ausbildung.

 

Für die meisten von uns Frauen ist ihre Unterstützung bei Schwangerschaft und Geburt daher nicht wegzudenken. Fernab von formalisierter Schulmedizin und technischem Klinikalltag geben uns Hebammen den Raum und Zeit für Würde und Natürlichkeit und das nötige Selbstvertrauen für eine der größten Prüfungen unseres Lebens: die Geburt unserer Kinder!

 

Unangemessene Bezahlung und drastisch steigende Versicherungsprämien bedrohen den Hebammenberuf mehr denn je. Frauen in Deutschland: es ist höchste Zeit etwas dagegen zu tun!

 

Trotz der hohen Verantwortung, die sie tragen, werden Hebammen schon immer unangemessen bezahlt. Durchschnittlich verdient eine freiberufliche Hebamme in Deutschland 7,50 Euro netto. In den letzten Jahren haben sie zudem mit dramatisch steigenden Versicherungsprämien zu kämpfen. Allein im Jahr 2010 kam bei der für den Hebammenberuf zwingenden Berufshaftpflichtversicherung zu einem Prämienanstieg von 55,6 Prozent. Noch deutlicher wird der Anstieg im direkten Vergleich: Während Hebammen im Jahr 1992 durchschnittlich rund 180 Euro für die Berufshaftpflicht zahlten, waren es im Juli 2012 bereits zwischen 4200 und 5300 Euro. Die Vergütungssätze veränderten sich in den letzten 20 Jahren dagegen kaum. Es wurden lediglich vier Erhöhungen für Hebammen durchgesetzt. Die Situation spitzt sich nun weiter zu: Die Nürnberger Versicherung hat angekündigt sich zum Sommer 2015 aus den beiden letzten verbliebenen Versicherungskonsortien für Hebammen zurückzuziehen. Für freiberuflich tätige Hebammen bedeutet dies das berufliche Aus, da sie sich nicht mehr versichern können. Auch Geburtshäuser, die den ohnehin hohen Kostendruck der letzten Jahre überlebt haben, werden schließen müssen. Hebammen werden in Deutschland damit systematisch in die Bedeutungslosigkeit gedrängt.

 

Was bedeutet das für Schwangerschaft und Geburt? Zunächst erst einmal eine deutliche Einschränkung der Selbstbestimmung, denn sollten sich keine Gegenmaßnahmen durchsetzen, werden Geburten in Zukunft nur noch in Kliniken möglich sein. Das Hebammensterben verändert auch die psychosoziale Umgebung der Frau. Die Entwicklung vom Frausein zum Muttersein ist ein sehr intimer und sensibler Prozess, der viele unterschiedliche Grenzerfahrungen beinhaltet. Schwangere müssen in kürzester Zeit viele tiefgreifende Veränderungen bewältigen. Klar, dass dieser Prozess von vielen Ängsten, Sorgen und Verunsicherungen begleitet wird, wie etwa im Hinblick auf die körperlichen Veränderungen, die Angst vor Wehen, Geburtsschmerzen und Geburtskomplikationen, aber auch in Bezug auf die sexuelle und berufliche Identität, die Veränderungen in der Partnerbeziehung oder Ängste in Bezug auf die materielle Situation. Nachweislich hat das Wohlbefinden und die psychische Verfassung der werdenden Mutter einen entscheidenden Einfluss auf den gesunden Verlauf von Schwangerschaft und Geburt. Fühlen wir uns unwohl, sind wir ängstlich oder stehen unter Stress, ist mit mehr Komplikationen während der Schwangerschaft zu rechnen, Wehen werden schmerzhafter erlebt, die Geburt dauert länger und ist häufiger mit ärztlichen Interventionen verbunden. Die schulmedizinische Versorgung bietet hier wenig bis keinen Raum zur Verarbeitung. Im Gegenteil: die zunehmende Medikalisierung und medizinische „Problematisierung“ von Schwangerschaft und Geburt entfremdet uns von einem eigentlich natürlichen Prozess und ist häufig sogar eher ein Verstärker von Risikodenken und Geburtsängsten.

 

Hebammen erfüllen also eine sehr wichtige Funktion: Neben der Weitergabe von praktischem Wissen, können Sie uns auch in Bezug auf unsere seelischen Nöte eine wesentliche Unterstützung sein. Eine liebevolle Betreuung kann dabei helfen, Ängste abzubauen und den natürlichen Zugang zur Geburt wieder zu finden. Positive Geburtsberichte und Erfahrungen unterstützen uns dabei, das nötige Selbstvertrauen in unseren Körper zu stärken und die Geburt unserer Kinder nicht nur als schmerzhaftes, sondern auch als schönes, natürliches, kraftvolles und überwältigendes Erlebnis zu empfinden. Dafür lohnt es sich zu kämpfen!

 

Aktuell gibt es viele Aufrufe und Initiativen, um die Situation der Hebammen in Deutschland zu verbessern. Der Erhalt des Hebammenberufs kann durch eine seit letzter Woche veröffentlichte Online-Petition konkret unterstützt werden. Die Petition richtet sich an alle Eltern, Großeltern, werdenden Eltern und Menschen mit Kinderwunsch und kann auf change.org unterzeichnet werden.

 

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