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Eine schöne Zumutung
SOWAS VON SCHWANGER!

Schwanger sein ist keine Krankheit, klar. Man kann alles tun, wenn man schwanger ist. Fast alles. Ich kann jedenfalls nicht mehr aufstehen, ohne dass es sich nach leichtem Schwindel und Schwächeanfall anfühlt. Ich kann weder Treppen steigen noch die älteren Geschwister des aktuellen »Traglings« zur Kita bringen, ohne einen Schweißausbruch zu bekommen, den man auch sieht! …

 

Ich kann nicht durchschlafen. Geschweige denn auf dem Rücken, dem Bauch oder der Seite liegen. (Außer dann auf der Seite, wenn ich das monsterformstabile Stillkissen zwischen den Knien liegen habe). Ich kann nicht mehr als zwei Stunden, ohne auf die Toilette zu gehen, aushalten.

Ich kann nicht in Ruhe Sushi oder Sashimi essen, obwohl ich Riesenlust drauf hätte. Selbst wenn ich das gesundheitliche Risiko für mich und mein Baby als tragbar entscheiden würde, die pikierten Blicke der Restwelt im Restaurant würden mir die Sushi Röllchen im Hals stecken lassen.

Und dann die Laune. Ich kann nicht nicht weinen. Über alles weinen, am seltensten noch über meine Symphyseschmerzen, Ischiasbeschwerden und mein Sodbrennen, häufiger über Dinge, die mir schon ewig bekannt sind und mich vor der Schwangerschaft nicht zum weinen gebracht haben: die Einsamkeit alter Leute, die Schicksale mir unbekannter Menschen von mir (persönlich direkt eigentlich) unbekannten Kontinenten.

Selbst ich selbst merke, dass mir der Realismus und die Sachlichkeit gänzlich flöten gegangen sind. Meine Umwelt, den Blicken nach zu urteilen, merkt das sowieso.

Dann dieser schöne brutale Nestbautrieb: Alles muss vom Feinsten sein, für dieses zarte Wesen, koste es was es wolle. Genau. Dieses zarte Wesen, das eigentlich nur in meinem Bauch warm und sicher ist. Diesbezüglich graut’s mir schon etwas vor der Geburt. Jeder kann, will und wird es anfassen, das Kleine, so verletzbare, so absolut zu mir gehörige.

Ich habe von Müttern gehört, die den Säugling nach der Geburt nicht mal für Minuten aus den Augen lassen konnten. Kein erholsamer Schlaf, während die Schwestern im Krankenhaus sich kümmern, nur dauernde hormongesteuerte Lauer und Erschöpfung. Die Liebe zu diesem kleinen Wesen überwältigt und macht verletzlich wie nie.

Dabei ist die Schwangerschaft nur ein leichter Vorgeschmack und – wie ich meine – eine sanfte und schrittweise Gewöhnung der Mutter an das, was bei der Geburt und danach auf sie zukommt. Die Geburt mit ihren Zugängen, Schmerzen, Rissen, Schnitten und Nähten, mit ihrem Ausgeliefertsein und dem Verlust der Intimität ist in dieser Form und Vollständigkeit etwas worüber kaum jemand spricht – wirklich nur, um kinderlose Frauen vor all diesen Details keine Angst zu machen? Wie sonst bei Initiationsriten muten die mitleidigen und gleichzeitig aufmunternden Blicke und Gesten an, mit denen die zuständige Hebamme die werdende Erstlingsmutter aus der Gesellschaft der selbstbestimmten Privatsphärehabenden hinaus in die Phase der Intimitätslosigkeit begleitet. Sie geben der Erstgebärenden ein irritierendes Gefühl der Uninformiertheit über das Ganze Ausmaß der – vorsichtig formuliert – unentrinnbaren Unangenehmheiten der folgenden Wochen und Monate.

Nie war die Frau so animalisch, so verletzlich, wie kurz vor, während und nach der Geburt. All das passt so wenig in unsere Alltagsgesellschaft, bestehend aus chic, straff und sexy. Plötzlich soll frau die jahrzehntelang eingebläute Fassung und Contenance verlieren und sich vor den Augen und Ohren teilweise fast Fremder total fallen und gehen lassen. Kein Wunder, dass der geburtsfördernde »Hebammencocktail« tatsächlich aus einem ordentlichen Anteil Cognac besteht.

Die notwenige alkoholisierte Ausgelassenheit, die so eine umgehemmt flutschende Geburt ermöglicht, hatte ich zuletzt bei einer echt ausgelassenen Geburtstagsparty meiner besten Freundin, nur leider hatte damals – für mich damals Ahnungslose – das Wort Geburtstag noch eine völlig andere Bedeutung. Seufz. Ach ne, ich meinte Prost!

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