Sie sind hier

Kind und/oder Karriere? Übermutter oder Superwoman?
Weder Schuld, noch Scham, noch schlechtes Gewissen

Im Sommerurlaub an der französischen Riviera besuchten wir dort unsere Freunde. Beide sind berufstätig, ihr Sohn ist vier, die Tochter wenige Monate alt. Arbeiten, abends augehen, Zeit zu Zweit, Zeit mit Freunden und Kollegen, die Kinder nachts zum durchschlafen zu bringen, Fremdbetreuung auch schon früh für die ganz Kleinen, kinderfreies Elternbett, konsequentes Abstillen, all das war für unsere Freunde bzw meine Freundin gar kein Problem. 

Bei jeder Unterhaltung, über Sorgen, die wir uns bei einem ständig weinenden Kitakind machen, die Probleme, die ich mit dem Abstillen hatte, dem Durchschlafen und den - phasenweise vier - Kindern im Elternbett, fühlte ich mich als Mutter wie eine Amateurin und Glucke.

Dabei fühle ich mich in Deutschland bei Mütterdiskussionen ob meiner Arbeitslust paradoxerweise immer wie eine Rabenmutter. Auch das noch, Glucke mit Rabenmutter gleichzeitig, aufgefuttert vom schlechten Gewissen. 

 

[[{"fid":"241","view_mode":"wysiwyg_3_2","fields":{"format":"wysiwyg_3_2","field_file_image_title_text[und][0][value]":"weder schuld noch Scharm","field_file_image_alt_text[und][0][value]":"weder schuld noch Scharm","field_link[und][0][title]":"","field_link[und][0][url]":"","field_bild_quelle[und][0][value]":"","field_bild_quelle_link[und][0][title]":"","field_bild_quelle_link[und][0][url]":"","field_bildunterschrift[und][0][value]":"","field_medien_tags[und]":""},"type":"media","attributes":{"alt":"weder schuld noch Scharm","title":"weder schuld noch Scharm","class":"media-element file-wysiwyg-3-2"}}]]

Bild: Jutta Rotter / pixelio.de

 

Die netten Grillabende, von Kindern ungestört und - trotz kleiner Tochter, da früh abgestillt - ohne Alkoholbremse, zeigte eins eindeutig: die Profis, das sind ganz klar die Franzosen. All die gewissensbissigen Diskussionen deutscher Mütter kommen nicht vor. Frau setzt sich in Frankreich - zumindest bei der Frage, ob ein bisschen Eigendrehung (alleine, mit Mann, Freunden, Arbeit oder anderweitiger kinderloser Freizeit) dem Kind schadet, offensichtlich nicht zu sehr unter Druck. 

Französische Frauen tauchen durchschnittlich eher, gepflegter, figürlich optimierter, attraktiver, arbeitsfähiger an der Seite ihres Mannes wieder auf. Attraktiv, stark und ganz Frau - Superwoman, da ist sie. Gefühlt liegt unsereins da noch mit Nachgeburtsyoga, Bauchbinde, Brustentzündung aber ohne Frisur, Schminke und Nonchalance im Wochenbett. An eine Kursteilnahme des vom Geburtshaus angebotenen Kurses ‚Mutter sein - Frau bleiben‘ ist noch nicht zu denken (und später hat man üblicherweise keine Zeit mehr dazu bzw kein Problembewusstsein) 

Dabei haben die Französinnen durchschnittlich mehr Geburten, und während der späteren Schwangerschaften mehr kleinere Kinder zu betreuen als die Durchschnittsmutter hier. Wie machen die das bloss? 

Das deutsche Pendant zur französischen Femme fatal leidet tendenziell durch den Vergleichsdruck unter dem Gefühl nichts zu schaffen und schwach zu sein.

Dabei schaffen, die Frauen hierzulande nach der Geburt entgegen ihrer eigenen Wahrnehmung eine ganze Menge. Mehr sogar vermutlich, als sie jemals zuvor geschafft haben, es wird nur in Frankreich und vielleicht auch anderswo ganz anders bewertet.

Kuscheln, tragen, selber versorgen, im Dauerdienst sein, immer zur Verfügung stehen, nachts aufstehen, Brechschüsseln halten, trösten, spielen beim Wickeln, anlächeln, lange stillen, zuhören, wenn nötig rund um die Uhr Körperkontakt bieten, all das schafft Urvertrauen. 

Urvertrauen ist für viele Themen, die unsere Kinder im Leben erleben werden, die wichtigste Basis. Frustrationstoleranz, Resilienz, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, all das kann nur auf Basis einer gut saturierten Mutter-Kind-Dyade aufbauen. Wir lassen die Kinder langsam aus unserem Radius herauswachsen, sie suchen sich ihren Weg, ihre Herausforderungen selbst. Wir schubsen sie nicht und das ist gut so. Wir haben das Gefühl wir schaffen nichts, aber wir schaffen so viel, eine ganze Menge, Alles, Leben. 

So wie die Französinnen wollen auch viele deutsche Mütter sein. Das Ideal der Supermutter, beruflich erfolgreich, die Kinder nebenbei aber biologisch-dynamisch perfekt durchgeschukelt, das haben einige von uns schon hinter sich oder wir sind noch dabei. Diesem Ideal zu entsprechen, das kostet einen hohen Preis, sowohl in Frankreich, als auch hier landet Frau im berühmten Hamsterrad und wer das Tempo darin nicht selbst drosselt, der fliegt irgendwann aus der Kurve, mit Überforderung, Burn-Out oder Depression.

Viele diagnostizierte Schwangerschaftsdepressionen oder postnatale bzw. postpartale Depressionen liegen nur im ersten Moment wirklich an der biochemischen Besonderheit der jeweiligen Lebenssituation. Eine dauerhafte Verfestigung liegt an der Überforderung der Mütter, dem gesellschaftlichen, dem Rollendruck. Hier wie dort. 

Als ich zwei Kinder hatte und mit dem Taxi auf dem Weg zum Flughafen andere Mütter mit Fahrrad und Kind auf dem Kindersitz oder dem Laufrad daneben ihre Kleinen in den Kindergarten bringen beobachtet habe, da hatte ich regelmäßig einen fetten Kloss im Hals. Aber länger zu Hause bleiben, das fand mein Chef nicht gut, der Wiedereinstieg war bereits verabredet. Als ich dann nach wenigen Monaten und viel Diskussion zurückkam, waren die verabredeten 25 Teilzeitstunden wöchentlich ihm dann doch zu wenig und schon stand ich extrem unter Druck. Man erwartete von mir Vollzeit zu arbeiten, zu Reisen, die Verantwortung auszuweiten, eine weitere Abteilung zu übernehmen. Zähneknirschend habe ich zugestimmt. Jeden Tag, den meine Tochter beim Abgeben in der Kita weinte, kam ich vor blossem schlechten Gewissen nassgeschwitzt im Büro an. Wenn meine Kollegin fragte, wie es beim Abgeben war, hab ich abgewunken. Hätte ich meinen tagtäglichen Gewissenskonflikt beschrieben, wäre ein tränenreicher Ausbruch im Büro passiert. 

Aber auch in Frankreich ist es mittlerweile nurmehr der strenge Blick der anderen, der Frauen früh zurück ins Büro treibt. Er ist auch der Grund, weshalb viele Frauen nach der Geburt immer berufstätig sind, teilweise sogar Vollzeit. Das entspricht ganz dem Bild der modernen, emanzipierten Französin, das in Deutschland so bewundert wird. Jedoch lässt sich der Beginn einer zarten Gegenbewegung erkennen. Immer mehr Frauen sträuben sich gegen den gesellschaftlichen Konsens, nach dem das Ansehen einer Frau davon abhängt, ob sie kurz nach der Geburt ihres Kindes schnell wieder beruflich einsteigt. 

Wie oft habe ich im Büro abgepumpt, auf der hässlichsten Bürotoilette Berlins. Meine jungen Kollegen schauten mir scheel hinterher, ich schämte mich, fühlte mich wie ein Junkie, Stillen gehörte nicht hier her. Bei einer Geschäftsreise platzte wegen fehlendem Milchpumpenaufsatz gefühlt einmal fast meine Brust, wieder in Berlin gelandet hetzte der verständnisvolle türkische Taxifahrer über dunkelorange Ampeln, meine Bluse hatte bereits dunkle Flecken, ich hatte Fieber und war kurz vorm halluzinieren.

Die meisten Franzosen haben ein eher schwieriges Verhältnis zum Stillen. Viele Frauen finden es animalisch. Viele Mütter, die ihre Kinder stillen und drei Monate nach der Geburt wieder anfangen zu  arbeiten, stillen vorher ab. Weniger als zehn Prozent der Kinder, die sechs Monate Jahr alt sind, bekommen Statistiken zufolge in Frankreich noch die Brust. In Deutschland sind es dagegen über 40 Prozent.

Das französische Ideal der berufstätigen Mutter wird auch von einigen deutschen Müttern komplett erfüllt. Viele meiner Freundinnen und ich haben in der Zeit, in der die Kinder am kleinsten waren das Hamsterrad taghell zum Leuchten gebracht. Aber ich habe mich gar nicht erfüllt gefühlt, sondern ausgehöhlt. Immer müde, immer gehetzt, immer schuldig und mit diesen Gefühlen bin ich nicht alleine. 

Dieses verdächtig nach Läusepuder absolutistischer Perücken riechende Ideal hat seinen Preis. Viele Frauen schlingern am Rand der Erschöpfung herum. Eine Mutter-Kind-Kur wie in Deutschland gibt es in Frankreich nicht.

Schon seit längerem wird das angeblich frauengerechte Ideal aus Kinderbetreuung und Berufstätigkeit, das in Frankreich herrscht, in der deutschen Politik und Gesellschaft als Vorbild präsentiert. Schließlich liegt die Geburtenrate in Frankreich bei 2,1 Kindern pro Frau und in Deutschland bei 1,4.

Aber der persönliche Preis, den Eltern und Kinder für diese Familienpolitik bezahlen, ist hoch. Schaut man hinter den Vorhang des Ideals der französischen Superwoman, zeigt sich, dass eine Gesellschaft entsteht, in der Erwachsene ungestört ihrer Arbeit und ihren Hobbys nachgehen, aber keine wirkliche Beziehung zu ihren Kindern aufbauen können. Denn eine Beziehung aufzubauen braucht Zeit. 

Die Ursache liegt - wie bereits angedeutet - in der Historie: schon seit dem absolutistischen Frankreich gibt es eine Ammentradition. Je reicher und standesgemässer eine Familie, desto weniger Kontakt ‚mussten‘ die Mütter mit den Kindern in den ersten Lebensjahren haben. Die Frau sollte schnell wieder schwanger werden, das Stillen störte, da unter anderem empfängnisverhütend. Die Eltern besuchten ihre Kinder selten und holten sie erst sehr viel später nach Hause. Seit Generationen ist eine frühe Fremdbetreuung so selbstverständlich geworden, dass sie auch heute niemand in Frage stellt. 

Ergo ist es für französische Frauen auch leichter mehrere Kinder zu bekommen, sie müssen sich nicht so intensiv selbst um die Kinder kümmern wie es hierzulande selbstverständlich von einer Mutter erwartet wird. 

Der französische Staat beteiligt sich intensiv an den Betreuungskosten. Familien mit drei und mehr Kindern zahlen fast keine Steuern mehr. Kindergeld wird jedoch erst ab dem zweiten Kind gezahlt.  Fast alle der heute 20- bis 40-jährigen Französinnen sind früher selbst in einer Fremdbetreuung untergebracht gewesen und folgen jetzt demselben Prinzip. Über 60 Prozent der Mütter, die Kinder unter sechs Jahren haben, arbeiten Vollzeit. In Deutschland sind es nur zwölf Prozent. Ein Vollzeitjob beider Eltern bedeutet jedoch, dass die Kinder viele Stunden täglich fremdbetreut werden müssen. Und da ist die Betreuung während der Hobbys und gesellschaftlichen Verpflichtungen noch nicht eingerechnet. In Frannkreich ist es üblich, dass abends eine Babysitterin die Kinder von der Betreuung abholt, weil die Eltern noch keine Zeit haben.

In einer aktuellen Unicef-Studie (in 30 Ländern) zum Wohlergehen von Kindern wurden Kinder und Jugendliche gefragt, wie sie selbst ihre Beziehung zu Eltern einschätzen. In dieser Untersuchung landete Frankreich auf dem letzten Platz.

Warum das so ist, könnte mit der Art des Umgangs in den ersten Lebensjahren zusammenhängen. Ein internationales Forscherteam um Evelyn Bromet von der State University of New York fand heraus, ( Studie im Fachmagazin "BMC Medicine“) dass es eine extrem hohe Quote Erwachsener mit Depressionen und Angstzuständen in Frankreich gibt. Psychologen halten es für keinen Zufall, dass Frankreich beim Verbrauch von Antidepressiva Weltspitze ist. Die Menschen, die in Frankreich wegen Ängsten und Depressionen in Behandlung sind, berichten oft, wie wenig echte Nähe sie in ihrer Kindheit von ihren Eltern bekommen haben. Parallel dazu beobachten Kinderärzte, die in beiden Ländern Erfahrungen sammeln konnten, wie wenig Bezug viele Eltern zu ihren Kindern haben. Auch wenn wir auf monokausale Erklärungen und Ursache-Wirkungszusammenhänge verzichten, der Zusammenhang zwischen früher Bindungs- und späterer Verhaltensstörung wird hier deutlich.

Nach wie vor wird Eltern in Frankreich vermittelt, dass eine frühe Trennung aus Kindern später selbstständige Erwachsene mache und dass der zeitige Eintritt in Krippe und Kindergarten, wichtig für ihre Entwicklung sei. Das Konzept der Rabenmutter ist ein rein deutsches, in Frankreich kennt man es nicht, sehr wohl aber das der Übermutter. Für die Franzosen gehört eine Frau an die Seite ihres Mannes, nicht an die ihres Kindes. Um das zu ermöglichen werden Kindern oft schon früh Medikamente verschrieben, mit denen hier eher vorsichtig umgegangen wird. Zum Beispiel Antibiotika und Schlafmittel gehören hier eher nicht zur Standardmedikation für Kinder, in Frankreich verschreiben Kinderärzte diese Medikamente schon häufiger, auch für Kinder gestresster Eltern. 

Das Korsett „Superwoman“ ist jedoch auch einigen französischen Frauen zu eng geworden, es schnürt zu sehr ein, egal ob auf deutsch oder französisch.

Das nächste Mal, wenn wir im internationalen Brutabschüttelvergleich schlechter dastehen, freuen wir uns über das Urvertrauen und die vielen schönen Momente und Gefühle von Nähe, Wärme und Aufgehobensein die wir als „nicht-übers-Herz-Bringerinnen“ bei den Kindern geschaffen haben. Das Ergebnis lässt sich wohl erst wirklich erkennen, wenn unsere Kinder erwachsen sind, bis dahin leben wir meinetwegen mit dem Vorurteil ‚Glucke’. 

[[{"fid":"242","view_mode":"wysiwyg_3_2","fields":{"format":"wysiwyg_3_2","field_file_image_title_text[und][0][value]":"sei stolz auf dich","field_file_image_alt_text[und][0][value]":"sei stolz auf dich","field_link[und][0][title]":"","field_link[und][0][url]":"","field_bild_quelle[und][0][value]":"","field_bild_quelle_link[und][0][title]":"","field_bild_quelle_link[und][0][url]":"","field_bildunterschrift[und][0][value]":"","field_medien_tags[und]":""},"type":"media","attributes":{"alt":"sei stolz auf dich","title":"sei stolz auf dich","class":"media-element file-wysiwyg-3-2"}}]] 

 

Facebook icon
Google icon
Pinterest icon
LinkedIn icon
e-mail icon

Weitere Artikel zum Thema

So förderst Du die EMOTIONALE INTELLIGENZ Deines Kindes
Egal was für ein Typ oder Charakter Dein Kind ist, ob es ein Glückspilz oder eine Pechmarie ist, egal ob everybodys Darling oder Eigenbrödler, egal was es beruflich machen wird und welche Entscheidungen es im Lauf seines Leben treffen wird, emotionale Intelligenz, der Umgang mit zwischenmenschlichen Herausforderungen wird auf jeden Fall sehr wichtig sein.
Überwindung der Ängste während der Schwangerschaft
Von werdenden Eltern erwartet alle Welt reines Glück. Dabei ist die Zeit der Schwangerschaft nicht nur von freudiger Erwartung geprägt. Viele Frauen und oft auch die Männer werden von Zweifeln, Sorgen und Ängsten heimgesucht.
Der Hebammenberuf in Deutschland ist vom Aussterben bedroht
Es ist, als würde man darüber nachdenken, die Feuerwehr flächendeckend abzuschaffen: Hebammen werden in Deutschland systematisch in die Bedeutungslosigkeit gedrängt.