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So stellen wir die Bindung zu unseren Kindern wieder her.
Hier ist ja niemand

Wie und warum sind wir, die Eltern, die Familie zu NIEMAND geworden? Und ist das überhaupt ein Problem? (Abgesehen davon, dass wir darüber ab und zu etwas beleidigt sind?) Also, ja, es ist ein Problem, denn »Unsere Kinder brauchen uns« und das ist gleichzeitig der Titel des hochgelobten Werkes des kanadischen Psychologen Gordon Neufeld.

Zunächst erscheint es nicht als problematisch, wenn die Kinder Freunde haben und viel mit diesen unternehmen. Jedes Familienmitglied kann so früh sein eigenes Leben leben, die Kinder haben ihre eigene Sozialisation, das scheint doch bequem für die Eltern zu sein, die schon lange mehr eigene Freizeit wünschen oder auch mehr Zeit und Mühe in jüngere Geschwister investieren müssen. Doch in vielen Fällen fangen diese gleichaltrigen sich orientierenden Kinder an, nicht mehr kooperativ zu wirken. Sehr frühzeitig legen sie so eine Einstellung und ein Verhalten gegenüber den Eltern an den Tag, was wir früher unter Pubertätssysmptomen kannten. Dieses Verhalten beginnt jedoch oft viel zu früh, um wirklich mit der hormonellen Veränderung der Pubertät im Zusammenhang zu stehen. Natürlich werden die Kinder heute an vielen Stellen früher Eindrücken und Informationen ausgesetzt, die früher mit Recht Erwachsenen vorbehalten waren. Die Reife, all diese meist durch Massenmedien vermittelten Inhalte zu verarbeiten, haben unsere Kinder oft noch nicht. Dazu ist an vielen Stellen eindrücklich berichtet worden. Es gibt noch ein weiteres zunehmend den Reifeprozess bremsendes Phänomen: die Gleichaltrigenorientierung. Ebenso wie bei der frühen Mediennutzung fällt auch hier auf, dass die Kinder, vermeintlich gereift, früh an Erwachsenenaktivitäten partizipieren. Jedoch täuscht dieser Eindruck. Nur weil Kinder bestimmte Dinge tun, sind sie nicht reif. Das Handeln ist vermeintlich erwachsen, die Kinder sind nämlich noch nicht reif, demnach tun sie diese Dinge bei gleichzeitiger Überforderung.

Die Gleichaltrigenorientierung nimmt Überhand ist – kurz gefasst – die interessante These des Buches.

In unserer Gesellschaft sei der Bezug zu unseren Elterninstinkten verloren gegangen. Gordons These ist: Kinder binden sich zu früh und zu intensiv an andere Kinder, die selbst noch unreife Wesen sind. Um die verloren gegangene Beziehung wieder aufzubauen sollten Eltern die Gewohnheit aufgeben nur an ihr Kind heranzutreten, wenn etwas schief läuft. Wie können wir als Eltern wieder Mentoren und Fürsorger unserer Kinder werden, denen unsere Kinder gerne folgen wollen? Gordon Neufeld stellt uns dazu einen hilfreiche Ablaufplan vor:

1. Treten Sie freundlich an das Kind heran

Blickkontakt und Zustimmung sind die Basis für die Wiederherstellung des Kontakts. Ob nach räumlicher Trennung durch Arbeit und Schule, nach dem Schlafen oder nach einem Abbrechen der zwischenmenschlichen Brücke durch eine Auseinandersetzung: Der Wiederaufbau der Brücke liegt in unserer Verantwortung.

2. Geben Sie dem Kind etwas woran es sich festhalten kann

Bei Babys ist dies der direkte Körperkontakt des Fingers, den wir in seine zugreifende Hand legen. Bei älteren Kindern ist es Aufmerksamkeit, emotionale Wärme, Interesse, Spaß, strahlende Augen, die Wärme in der Stimme, an dem das Kind festhält und als Einladung für eine Verbindung am besten wirken. Bei unseren eigenen Kindern ist die körperliche Komponente, Umarmungen, Liebkosungen, dazu geschaffen, dass Kinder sich festhalten können. Das grundsätzlich Wichtigste ist, dass der Erwachsene etwas geben muss, bevor das Kind sich festhalten wird.

3. Laden Sie zur Abhängigkeit ein

Entgegen unserer ansozialisierten ständigen Bemühungen, unsere Kinder laufend in die größtmögliche Selbstständigkeit zu drängen, schlagen wir vor, der Bindung den Vorrang zu geben. Wenn wir um jemanden werben, überschlagen wir uns mit Unterstützungsangeboten. »Lass mich machen«, tun Sie dieses ebenso bei der aktiven (Wieder)Herstellung einer Bindung. Wachstum, Entwicklung und Reifung sind natürliche Prozesse. Ebenso wie die Jahreszeiten nicht durch uns verschoben werden können, können wir die Reifungsprozesse unserer Kinder nicht durch unterlassene Hilfestellungen erzwingen. Der Weg zu wahrer Unabhängigkeit führt über die Abhängigkeit.

4. Dienen Sie dem Kind durch ihr Verhalten als Orientierungspunkt

Kinder brauchen Orientierung, auch wenn sie sich den Ausdruck hilflosen Verwirrtseins zwecks coolem Auftreten eventuell abgewöhnt haben. Je mehr wir Ihnen in Bezug auf Raum und Zeit, Menschen und Geschehnissen, Bedeutungen und Umständen Orientierung vermitteln, desto eher werden sie uns in der Nähe halten wollen. Je auflehnender und »unmöglicher« die Kinder im Umgang mit uns sind, desto größer ist ihr Bedürfnis, zurückgewonnen zu werden. Paradoxerweise müssen Kinder zuerst zu uns zurückgeholt werden, damit wir ihnen eine Chance geben, erwachsen zu werden, damit der Prozess der Reifeentwicklung weitergehen kann.

Wenn wir nur ein paar Tage durchhalten, aus dem üblichen Muster des eingefahrenen Clinches mit unserem Kind aussteigen und eine neue Beziehungsebene anbieten, können wir mitunter ein wahres Wunder erleben. Probieren Sie es aus!

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